Gärtnerische Exkursion der kurzen Wege

Studienfahrt der Norddeutschen Fachschule für Gartenbau, Außenstelle Ellerhoop

Von Lehrerseite war die Absage der traditionellen Fahrt zum Beginn des Schuljahres eigentlich schon beschlossen, doch die Zuversicht und Beharrlichkeit der Schülerinnen und Schüler der Norddeutschen Fachschule für Gartenbau in Ellerhoop brachten neuen Schwung in die Debatte. Auch das favorisierte Ziel der Fahrt, das im klaren Gegensatz zu den Destinationen der letzten Jahre (Kopenhagen, Amsterdam, Berlin) stand, war den aktuellen Bedingungen angepasst. Der Harz gilt im Allgemeinen nicht als das Wunschziel einer aktiven, jungen Generation, doch die Vorzüge dieser Wahl sollten sich schnell herausstellen.

Der erste Tag der Exkursion galt einem gärtnerischen Hotspot Norddeutschlands, den Herrenhäuser Gärten. Da alle drei begleitenden Lehrkräfte am benachbarten universitären Standort Gartenbau bzw. Landschaftsarchitektur studiert hatten, waren Ortskenntnis, Fach- und Detailwissen vorhanden, um die angehenden Führungskräfte während des Tages mit umfangreichen Informationen zu versorgen. Aktuelle Problematiken, wie die für den Barockgarten tragische Buchsbaumwelke und der Befall durch den Buchsbaum-Zünsler, als auch zeitnah stattgefundene Restaurierungen z.B. im einmaligen Garten-Theater, machten deutlich, welche Anforderungen sich an den Erhalt von historischen Gartenanlagen stellen. Das zentrale Element des Großen Gartens, die große Fontäne, feiert in diesem Jahr ihren 300. Geburtstag. Beeindruckend wurde in der zurzeit laufenden Ausstellung im Schlossbau die hierfür notwendige Technik dargestellt, die am Anfang des 18. Jahrhunderts den Großteil der Kosten für die Gartenanlage ausmachte. Schon zu dieser Zeit war man in der Lage, die Fontäne auf etwa 35 m in die Höhe schießen zu lassen. Dass moderne Pumpen das Wasser mit über 140 km/h auf über 80 m bringen, verwundert nicht. Die Düse aber ist immer noch die originale, 4 mm breite Hohlstrahl-Variante.

In Hannover sind es nur wenige hundert Meter, um aus der Zeit des Absolutismus in die anschließende Phase der Aufklärung in der Gartenkunst ab Mitte des 18. Jahrhundert zu wechseln. Der Georgengarten, der von der immer wieder beeindruckenden Herrenhäuser Allee flankiert wird, ist gerade im Herbst ein Paradebeispiel eines Landschaftsgartens, der den strengen Gestaltungen des Barock vehement den Rücken kehrt oder wie es der englische Landschaftsarchitekt William Kent (1658 -1748) ausdrückte: „ Die Natur verabscheut gerade Linien!“

Die Pflanzenkenntnisse der Schülerinnen und Schüler wurden dann im Berggarten, dem botanischen Teil der Herrenhäuser Gärten, strapaziert, der für alle Fachrichtungen des Gartenbaus interessante einmalige Pflanzenschätze präsentiert. Neben der Orchideen-Sammlung waren es insbesondere die markanten Großbäume z.B. die über 200 Jahr alte Gurken-Magnolie (Magnolia acuminata), die immer wieder begeistern.

Für die Norddeutsche Fachschule für Gartenbau, Teil der Beruflichen Schule Elmshorn, ist es immer wichtig, dass die Führungskräfte nicht nur über den Tellerrand der eigenen Fachsparte schauen, sondern auch ihr allgemeines Fachwissen vertiefen. Um die Verbindungen zwischen Landschaftswandel und der wirtschaftlichen Tätigkeit des Menschen über die Jahrhunderte zu verdeutlichen, ist Goslar mit seinem historischen Bergwerk am Rammelsberg ideal. In einer mehrstündigen Wanderung um, auf und in diesen Berg hinein wurde allen die Bedeutung der Erzgewinnung im Harz vor Augen geführt. Dank der fachkundigen und kurzweiligen Führung des ehemaligen Preussag-Mitarbeiters Herbert Westermann wurden Spuren und Zusammenhänge in der Landschaft rings um das Weltkulturerbe deutlich, an denen man sonst einfach vorbeigelaufen wäre. Niemandem war vorher klar, welche Bedeutung das Wasser als Kraftquelle für den Bergbau im Harz hatte. Und die fußläufige Erkundung des damals wasserführenden Roeder-Stollens, Teil eines über 200 Jahre alten Systems von Energieleitungen und Maschinen, welches über knapp 100 Jahre den Bergbau am Rammelsberg möglich machte, war ein Höhepunkt der Exkursion.

Die diesjährige Exkursion war auch eine der kurzen Wege: Vom Bergwerk ging es zu Fuß zur benachbarten Jugendherberge und keine Autofahrt in diesen Tagen war länger als zwei Stunden. Es war eine entschleunigte, stressfreie Zeit, die mit diesen Eigenschaften in die besondere Corona-Situation passte.

Quedlinburg war vielen in der Fachschule noch nicht einmal als Weltkulturerbe bekannt. Frau Dr. Maya Behrens, Inhaberin des Mathildengartens, konnte durch Ihr Fachwissen vermitteln, welche weltweite Bedeutung diese Stadt für die gärtnerische und landwirtschaftliche Saatproduktion hatte. Seit Jahren engagiert sich die studierte Gärtnerin dafür, dass das Wissen und diese Kulturstätten erhalten bleiben, die seinerzeit z.B. für ein Drittel der weltweiten Produktion von Zuckerrübensamen verantwortlich waren. Anfang der neunziger Jahre bzw. nach der Wende setzte der Verfall dieser gärtnerischen Tradition ein, dessen riesige Saatgut-Speicher am Rande der Stadt stumme Zeugen dieser Glanzzeit sind.

Auf dem Rückweg nach Ellerhoop wurde in Braunschweig die Galabau-Firma „Friedrichs – Garten und Wasser“ besichtigt, die einen hohen Digitalisierungsgrad aufweist und den zukünftigen Führungskräften der Fachschule aufzeigte, welche Anforderungen ihre neuen Positionen in den Betrieben stellen. Der Bauleiter Alexander Kelemen berichtete von der cloudbasierten Arbeitszeiterfassung und dem Baustellenmanagement, mit dem die Firma Friedrichs seit 2018 arbeitet. Ein Jahr später folgte die Einführung eines digitalen Datei-Management-Systems zur Archivierung und Verarbeitung von Buchhaltungs- und Baustellendokumentationen, die dieses Jahr durch die Einführung cloudgestützter Kommunikationswege ergänzt wurde. Auch die Unterweisung im Rahmen der Unfallverhütung läuft bereits rein digital und kann z.B. in Form von Erklärvideos von den Mitarbeitern zu Hause erledigt werden. Aktuell wird eine Kleingeräte- und Fahrzeugortung erprobt, so dass schnell ermittelt werden kann, wo sich welche Maschine bzw. wo sich die Schlüssel zu den Fahrzeugen befinden.

Damit schloss sich ein Kreis über die historischen Gartenanlagen, dem Ursprung und der Gewinnung kulturrelevanter Rohstoffe bis hin zur digitalen Arbeitswelt der Neuzeit und nährte die Einsicht, dass die Gegenwart nicht ohne die Kenntnisse über die Vergangenheit gelebt werden kann. Und letztendlich waren alle Beteiligten froh, dass es Dank konsequenter Einhaltung der Hygieneregeln keine Infektionen gab.

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